Pasquale Anfossi „La finta giardiniera“

Pasquale Anfossis (1727-97) Oper „La finta giardiniera“ war bereits bei der Uraufführung 1773/74 am römischen Teatro delle Dame ein großer Erfolg. Unmittelbar danach wurde die Oper in mehrere Sprachen übersetzt und an vielen europäischen Bühnen nachgespielt, von Dresden bis London und Lissabon. Auch das Libretto war äußerst beliebt: zur gleichen Zeit wurde es noch einem anderen, sehr jungen Komponisten zur Vertonung angeboten. Dieser ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, und so kam, nur ein Jahr nach der Uraufführung von Anfossis Werk, La finta giardiniera erstmals in München auf die Bühne - mit der Musik eines gewissen Wolfgang Amadeus Mozart.

Die Weltersteinspielung des Ensemble l‘arte del mondo mit Nuria Rial in der Hauptrolle ist ein beeindruckendes Zeugnis Anfossis kompositorischen Schaffens.

Ernsthafte Konkurrenz für Mozart. Zu Pasquale Anfossis La finta giardiniera
Eigentlich eine „idiotische Geschichte“ und doch – oder gerade deswegen? –wurde Pasquale Anfossis Oper La finta giardiniera ein großer Erfolg: Nach der Uraufführung in der Karnevalssaison 1773/74 am römischen Teatro delle Dame wurde La finta giardiniera in mehrere andere Sprachen übersetzt und an vielen europäischen Bühnen nachgespielt, von Dresden bis London und Lissabon. Man muss sicherlich nicht so weit gehen und behaupten, dass die zeitgenössischen Zuschauer durch Anfossis Oper der „Zufälligkeit unserer Existenz“ innewurden. Die bunte Mischung aus burlesker Unwahrscheinlichkeit und einer gewissen Sentimentalität (die auch in der gewählten Gattungsbezeichnung Dramma giocoso, „spielerisches Drama“, zum Ausdruck kommt) traf aber ganz offenbar einen Nerv; das Publikum suchte auf der Opernbühne eben nicht den direkten Anschluss an seine eigene, alltägliche Gefühlswelt, sondern wollte in „sinnlos überwältigende“ Situationen hineingeführt werden, in denen etwa Liebespaare in heller Verzweiflung durch einen mitternächtlichen Wald (gar nicht so unähnlich dem Shakespeare’schen Sommernachtstraum) stapfen und darüber gar den Verstand verlieren.

Im Grunde hat sich dieses Bedürfnis des Publikums nach Unwahrscheinlichkeit bis heute erhalten: Wann hätte man je gehört, dass Kinokomödien oder Actionthriller auf ihre Glaubhaftigkeit hin beurteilt worden wären? Der Erfolg von La finta giardiniera bestätigt es sozusagen: Es handelt sich um ein gutes Libretto, denn es wurde den Erwartungen des Publikums und den Erfordernissen des Genres vollkommen gerecht. Entsprechend schnell verbreitete sich der Ruhm des Werks: Schon im August 1774 kam es zur deutschen Erstaufführung von Anfossis Oper in Würzburg, und ungefähr zur gleichen Zeit bot man das Libretto noch einem anderen, einem sehr jungen, nicht einmal 20-jährigen Komponisten zur Vertonung an. Dieser ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, und so kam, nur ein Jahr nach der Uraufführung von Anfossis Werk, La finta giardiniera erstmals in München auf die Bühne, mit der Musik eines gewissen Wolfgang Amadeus Mozart. Dass von dem sehr umfangreichen OEuvre Pasquale Anfossis gerade La finta giardiniera immer wieder in der Musikwissenschaft Beachtung gefunden hat, das hat natürlich mit Mozarts Zweitvertonung des Librettos zu tun. In die Frage etwa, wer eigentlich der Textdichter von Anfossis Oper sei, wäre sicherlich weniger Hirnschmalz investiert worden, wenn sie nicht wiederholt von Mozartforschern gestellt worden wäre. (Es hätte dann freilich auch weniger ins Kraut schießende Spekulationen gegeben, an deren Spitze die falsche Zuschreibung des Librettos an den berühmten Textdichter der Reformopern Glucks steht: Raniero de’ Calzabigi). Fest steht, dass alle bekannten Textbücher zur Finta giardiniera anonym überliefert sind. Im Textbuch der Uraufführung von Anfossis Oper findet sich jedoch ein recht eindeutiger, wenngleich lange Zeit unbeachteter Hinweis, in dem sich die sogenannten „Interessati“ (also gewissermaßen das Produktionsteam, bestehend aus Komponist, Textdichter, Impresario und den wichtigsten Sängern) auf ihre erfolgreiche Zusammenarbeit im Jahr zuvor berufen. Damit wäre Giuseppe Petrosellini der gesuchte Librettist. Inwieweit Mozart bei der Komposition seiner Finta giardiniera-Fassung die Partitur Anfossis kannte, ist unklar. Einige der Opern Anfossis fanden in späteren Jahren auch ihren Weg nach Wien und waren dort sehr erfolgreich. Mozarts Schwägerin Aloysia Lange, geb. Weber, sang beispielsweise 1783 in einer Wiener Produktion von Anfossis Il curioso indiscreto, und Mozart selbst steuerte für die-se Aufführungsserie insgesamt drei Einlagearien bei (was in einer Zeit, in der es noch keine ausgeprägten Werktreue-Debatten gab, nichts Ungewöhnliches war). Einige Jahre später schrieb Mozart noch eine Einlagearie für eine weitere Wiener Anfossi-Produktion: Le gelosie fortunate.

Wer aber war Pasquale Anfossi, dessen Name heute nur noch den Wenigsten bekannt sein dürfte? Wir sind nicht lückenlos über seinen Lebensweg informiert, doch was man weiß, reicht aus, um von einer ungewöhnlichen Karriere zu sprechen. Ein Senkrechtstarter wie Mozart war Anfossi jedenfalls nicht, erst mit 36 Jahren gab er sein Debüt als Opernkomonist. 1727 in Taggia an der norditalienischen Riviera geboren, hatte er vermutlich von seinem Vater das Violinspiel erlernt und war dann bereits als Kind zu einem Ensemble fahrender Musiker gestoßen, das in Ligurien in Kirchen und vornehmen Häusern auftrat. Irgendjemand muss hier die besondere Begabung des Knaben erkannt haben, jedenfalls wurde Anfossi ab 1744 eine Ausbildung am Konservatorium in Neapel ermöglicht.Erst als er später schon als Geiger an kleineren Theatern in Neapel tingelte, hat er sich weitergehende Kompositionskenntnisse angeeignet, etwa bei Antonio Sacchini und Niccolò Piccinni (die beide jünger als Anfossi waren).

Nach anfänglichen kleinen Erfolgen als Opernkomponist erwarb sich Anfossi wirklichen Ruhm erst in den 1770er Jahren in Rom und in Venedig, wo er ab 1773 als „Maestro di coro“ am Conservatorio dell’Ospedaletto wirkte. Anfossi war zu diesem Zeitpunkt ein Mittvierziger: ein durchaus fortgeschrittenes Alter für einen „Newcomer“ – und ein Alter, das Mozart nicht erreicht hat. 80 bis 90 Opern hat Anfossi gleichwohl noch komponiert, und erst der 65-Jährige war von den Strapazen des Opernbetriebs so ermüdet, dass er sich auf ein Kapellmeisteramt an einer der vier Papstbasiliken in Rom bewarb. Seltsamerweise ist trotz der Berühmtheit, die Pasquale Anfossi zu Lebzeiten zweifelsfrei genoss, sein Todesdatum nicht genau überliefert: Einer Quelle zufolge verstarb der Komponist 1795, einer anderen 1797.

Was Anfossis Musik zur Finta giardiniera so interessant macht, ist zweierlei: Zum einen finden wir in ihr einen bestimmten Typus der komischen Oper, wie er sich von 1760 an herausgebildet hat, geradezu mustergültig ausgeprägt: Man begegnet hier nicht einem spezifischen Personalstil des Komponisten Anfossi, sondern gewissermaßen einem Gattungsstil, den auch andere Komponisten pflegten und der die verrückten, komödiantischen und zum Teil auch rührseligen Handlungen in eine einheitliche, auch Einheit stiftende Atmosphäre taucht. Die Musik schafft gleichsam einen Raum für die Unwahrscheinlichkeiten des Librettos. Der zweite bemerkenswerte Gesichtspunkt der Musik Anfossis hängt eng mit dem ersten zusammen: Wer verstehen und hörend neu erleben möchte, was Mozart mit Werken wie Figaro oder Così fan tutte gegenüber seinen Vorläufern veränderte, der sollte eben diese Vorläufer einmal kennengelernt haben – den Nährboden also, aus dem sich Mozarts Neuerungen speisten. Man wird dann vermutlich hören, wie bei Mozart die Gefühle, die etwa bei Anfossi noch vorpsychologisch als Affektzustände geschildert werden, in Bewegung geraten buchstäblich psychologisiert werden. Man wird hören, wie Mozart die Formen erweitert – Anfossi legt den ernsten Arien, den sogennaten „Parti serie“, der Finta giardiniera noch recht schematisch dreiteilige, den leichten und komischen Arien dagegen, den „Parti buffe“, einfache zweiteilige Formen zugrunde. Man wird aber auch hören, dass sich an die graziöse Eleganz und an den melodischen Einfallsreichtum eines Pasquale Anfossi sehr wohl anknüpfen ließ. Auch von einem Mozart.
Wolfgang Behrens für Bayer Kultur

Besetzung
Nuria Rial Sandrina
Krystian Adam Belfiore
Maria Espada Ramiro
Katja Stuber Arminda
Miljenko Turk Podesta
Florian Götz Nardo
Monika Reinhard Serpetta

l‘arte del mondo

Werner Ehrhardt, Dirigent

< Opernproduktionen
Start > Projekte > Opernproduktionen