Le Cinesi – eine chinesisch-deutsche Opernserenade

Le Cinesi, die 1754 uraufgeführte Opernserenade von Christoph Willibald Gluck und Pietro Metastasio, ist ein so geistreiches wie sinnenfrohes Spiel mit den Möglichkeiten des Theaters und den Klischees zwischen Ost und West. Nicht verleugnen kann sie freilich ihre Entstehungszeit, die ihr Wissen um die Ferne vor allem aus vereinzelten Reiseberichten und vagen Gerüchten bezog. Auf der Theaterbühne blieb es traditionellerweise oft genug Ausstattung und Kostümierung überlassen, Exotisches glaubhaft zu machen. Und so ist es kein Wunder, dass die chinesischen Protagonisten bei Gluck/Metastasio letztlich wie verkleidete Europäer wirken (was sie auf der Bühne denn auch waren); in noch stärkerem, ja ausschließlichem Maße gilt dies für die Musik dieser Opernserenade.

Wovon Gluck und Metastasio  nur träumen konnten, weil sie darüber hinaus noch die Gattungskonventionen und den Erwartungshorizont des damaligen Publikums zu berücksichtigen hatten, das versucht unsere Neufassung: das enorme Potential des Sujets gerade in seinen grenzüberschreitenden Facetten freizusetzen.

Das Resultat: Ein interkulturelles Gesamtkunstwerk unter Maßgabe der historischen Aufführungspraxis. Ein Austausch der Kulturen, der vom Bühnengeschehen bis ins innere Gefüge des Werkes reicht, ohne dessen bezaubernden Rokoko-Charme anzutasten. Der die dort ausgelegten Fäden aufgreift, um sie zu einem so aktuellen wie amüsanten Spektakel zu verknüpfen. Mit echten Chinesen und echten Verständnisschwierigkeiten, mit all dem Spaß, der Neugier und den Verzweiflungen zwischen den Kulturen. Eine alle Ebenen durchwirkende Begegnung zweier traditionsreicher Welten jenseits der Klischees des Kulturtourismus. Die auf der Bühne ein wenig von dem zeigt, was die globalisierte Wirklichkeit prägt. Und was sie prägen könnte.

Denn die einstigen Grenzen  zwischen Ost und West scheinen heute nicht nur in ästhetischen Dingen fließend. Das postrevolutionäre China kopiert – wie der Paris-Pilger Silango in den originalen „Cinesi“ – den Westen, der postindustrielle Westen dagegen lässt in China produzieren. Globalisierung bereichert, uniformiert aber auch. „Dies ist“, befürchtete bereits 1773 der kluge Abbé Galiani, „der Fortschritt der Kultur; wir verfallen der Monotonie; alles wird einander so ähnlich werden. An den beiden Enden des Kontinents werden an dem einen die Chinesen, an dem anderen die Europäer wohnen, und beide einander so ähnlich [...] in hundert Jahren sind wir Chinesen; ich amüsiere mich schon damit, mir die Nase plattzudrücken und mir die Ohren lang zu ziehen – mit Erfolg!"

Unterdessen gären, von den westlichen Medien gern geschürt, allerlei interkulturelle Ängste: Sollte der Westen dereinst zu den Modernisierungsverlierern gehören? Zedlers „Universallexicon“ vermerkte schon 1743, die Chinesen wüssten „alles viel behender ins Werck zu richten als andere“. Vor den verblüffend perfekten „Europerien“ aus dem Osten graust es den Westen, der Begriffe wie „Gelbe Gefahr“ oder „Tiger-Staaten“ erfand, um seiner Angst Luft zu verschaffen – der Angst, Europa könne zu „alt“ geworden sein ...

Wie dem auch sei: Das alles und noch mehr steckt in den neuen „Cinesi“. Aus dem europäisierten China der „chinoisierten“ Gluckzeit erwächst eine funkensprühende Konstellation, die das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen entdecken lässt. In der historischen Begegnung von Ost und West entfaltet sich ein facettenreiches Panorama voll überraschender perspektivischer Brechungen, das den Blick für das Heute schärft und mit seiner sinnlichen Verführungskraft zugleich ein wenig von der Zauberwirkung jener Glasprismen auf die Bühne holt, die das Uraufführungspublikum der „Cinesi“ 1754 so nachhaltig fasziniert hat.

Das Seltsame ist, dass Sie dies bewusst erst merken, wenn Sie aus dem Staunen herauskommen. Also gar nicht. Versprochen.

Eine Produktion von l'arte del mondo und der China National Peking Opera Company zusammen mit den Musikfestspielen Potsdam-Sanssouci und dem Theater Winterthur

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