Juanita Lascarro

 

Josef Mysliveček: Il Medonte

Il Boemo – Der Komponist des Medonte
Im Jahre 1928 glaubte ein italienischer Pianist und Musikgelehrter die Öffentlichkeit mit einem sensationellen Fund verblüffen zu können. Er hatte „ein unbekanntes und noch nicht herausgegebenes Oratorium“ von Mozart entdeckt: Isacco figura del redentore. So unbekannt war das Werk dann aber doch nicht, unter dem Namen seines wahren Komponisten Joseph Mysliveček hätte der fehlgeleitete Entdecker das Oratorium leicht nachweisen können. Immerhin konnte sich der arme Gelehrte damit trösten ein wirklich erstklassiges Stück dem großen Mozart zugeschrieben zu haben. Wer aber war dieser Joseph Mysliveček, dass er Musik schreiben konnte, die wie Mozart klingt? Wenn man dann genauer hinsieht, erlebt man eine Überraschung – umgekehrt nämlich wird ein Schuh draus: Mozart hat sich von Mysliveček inspirieren lassen. Noch als Knabe hat Mozart Mysliveček auf seinen Italien-Reisen kennengelernt und seine Musik scheint ihn beeindruckt zu haben. Davon kündet etwa ein Brief mit dem der junge Komponist seiner Schwester aus Mailand folgende Anfrage übermitteln lässt: „frag nach ob sie zu salzbourg diese sinfonie von Mislievecek haben oder nicht, dan wan sie es nicht haben, so werden wir sie mitbringen.“

Tatsächlich ist Mysliveček einer der ganz wenigen Komponisten zu denen Mozart eine längere freundschaftliche Beziehung unterhielt. Aus Briefen Leopold Mozarts kann man entnehmen, dass sich die beiden erstmals 1770 in Bologna getroffen haben: „H. Misliwetschek hat uns in Bologna, und wir ihn öfter besucht (…) Er ist ein Ehrenmann und wir haben vollkommene freundschaft mit einander gemacht.“ Der junge Mozart jedenfalls hat die „vollkommene freundschaft“ weiter gepflegt und da er alles begierig aufsog was ihm an interessanter Musik unter die Finger kam, so studierte er auch die Musik Myslivečeks, zumal sich dieser in Italien als eine feste Größe etabliert hatte. Man kann Myslivečeks unmittelbaren Einfluss in Mozarts Instrumentalmusik aus den frühen 1770er Jahren nachweisen, aber auch in den ersten Schritten die Mozart im Bereich von Oper und Oratorium unternahm, z.B. in Mitritdate oder in La Betulia liberata. Manche Musikwissenschaftler haben auch in späteren Werken Mozarts noch Bezüge zu Mysliveček vermutet, was eine gewisse Plausibilität besitzt, ohne im Einzelnen hieb- und stichfest nachprüfbar zu sein. Dass Mysliveček heute ein nahezu vergessener Komponist ist, kann einen schon in Erstaunen versetzen. Schon die Tatsache, dass er sich als Nicht-Italiener einen Namen als Komponist italienischer Opern machen konnte ist bemerkenswert. Man brachte ihm so viel Respekt entgegen, dass man ihn mit einem eigenen Beinamen ehrte: „Il Boemo“ – der Böhme. Und „Il Boemo“ war sogar in der Lage, der in mancherlei Traditionen erstarrten Opera seria seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Unter dem Eindruck Christoph Willibald Glucks stehend, behielt er zwar die Grundstrukturen der italienischen Oper bei, wandte sich jedoch gegen ihre fast ins Mechanistische gesteigerte Artifizialität und schrieb stattdessen eingängigere Melodien, setzte auf harmonischen Reichtum und komponierte Arien zunehmend nicht mehr in der standardisierten Da Capo-, sondern in Rondo-Form.

Myslivečeks Lebenslauf könnte einem Roman entnommen sein (und wirklich hat er mehrfach als Romanvorlage gedient, so etwa Carl von Pidoll für sein Buch Boemo divino und 1912 komponierte Stanislav Suda eine Mysliveček-Oper). Zum einen ist da die Herkunft, die auch in den Komponistenkreisen des 18. Jahrhunderts ungewöhnlich sein dürfte: Myslivečeks Vater war Müller und auch der junge Joseph ließ sich zum Müllermeister ausbilden, ehe er sich ganz der Musik zuwandte. Der adlige Förderer Myslivečeks, Graf Vinzenz von Waldstein, sorgte dafür, dass der Komponist 1763 zur Vervollkommnung seiner Fähigkeiten nach Venedig ging. Vier Jahre später gelang ihm mit der für Neapel komponierten Oper Il Bellerofonte der Durchbruch, zahlreiche Opernaufträge folgten – Myslivečeks OEuvre umfasst nach heutigem Kenntnisstand 26 Opern. Er erwarb sich jedoch den Ruf, recht großzügig mit seinen Einnahmen zu verfahren. Schon ein Jahr nach seinem Tod notiert ein Biograph: „Er befand sich oft in so misslichen Umständen, dass er Geld borgen musste. Ruhm und Ehre zog er allem Reichthum vor.“ Nicht zuletzt scheint Mysliveček auch sexuellen Ausschweifungen nicht abhold gewesen zu sein und zog sich eine Syphilis zu, die ihm die letzten Jahre seines Lebens zur Qual machen sollte. Eine Operation 1777 verlief – gelinde gesagt – suboptimal; Mozart, der ihn besucht hatte, berichtete nach Salzburg: „Der Chirurgus Cuco, der Esel, hat ihm die Nase weg gebrannt; man stelle sich jetzt den Schmerz vor.“

Das Ende vom Lied ist traurig: Eine seiner letzten Opern, die Armida, fiel bei ihrer Mailänder Uraufführung 1780 durch, ein gutes Jahr später starb Mysliveček – vom Erfolg verlassen, verarmt und von Krankheit entstellt. Wie die Armida entstand auch der Medonte 1780, wurde aber in Rom am Teatro Argentina erst nach dem Mailänder Desaster uraufgeführt. Trotzdem konnte auch der Medonte bei seiner Uraufführung nicht reüssieren. Dies erwies sich aber als unbegründet, die Rondo-Arie des Arsace „Luci belli, se piangete“ beispielsweise wurde schon bald in musikalischen Journalen gedruckt und europaweit nachgesungen. Was zu dem Misserfolg führte, darüber kann man nur spekulieren: Waren es gerade die musikalischen Neuerungen, das kühne Terzett am Ende des zweiten Aktes etwa, welche die Römer vor den Kopf stießen? Oder war das Libretto schuld, das Giovanni de Gamerra geschaffen hatte? Nichts hinderte Mysliveček jedoch großartige Musik zu komponieren, hervorgehoben sei etwa die harmonisch ungemein vielgestaltige Szene der Selene im zweiten Akt („Dove, ahi dove son io?“). Nach der Römer Aufführungsserie fiel der Medonte in einen unverdienten Dornröschenschlaf. Eine in St. Petersburg aufgefundene Abschrift, die allerdings keine Secco-Rezitative enthielt, ermöglichte 1961 eine erste moderne Wiederaufführung. Als vor einigen Jahren der Musikforscher Olaf Krone ein weiteres Manuskript in Paris einsah, stellte sich dieses als weitgehend vollständig heraus. Auf diese Weise erklingt heute zum ersten Mal seit über 230 Jahren ein annähernd vollständiger Medonte – allein der versöhnliche Coro am Ende fehlt. Werner Ehrhardt hat daher einen vergleichbaren Coro aus Myslivečeks Oper Tamerlano ans Ende gestellt – um so letztlich auch dem Medonte zu seinem verdienten glücklichen Ausgang zu verhelfen.
Wolfgang Behrens für Bayer Kultur


Besetzung
Solisten:
Thomas Michael Allen Medonte
Juanita Lascarro Selene
Susanne Bernhard Arsace
Stephanie Elliott Evandro
Lorina Castellano Zelinda
Ulrike Andersen Talete

Chor l‘arte del mondo
Orchester l‘arte del mondo

Werner Ehrhardt - Dirigent

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